Baron Pierre de Coubertin hätte seine Freude an Hinrich Romeike, dem olympischen Doppelgoldmedaillengewinner in der Vielseitigkeit von Hongkong, gehabt. Denn der Holsteiner, der sein Geld als Zahnarzt verdient, ist einer der ganz wenigen Amateure im hippologischen Spitzensport.
Der 13. August 2008 wird in die Annalen der internationalen Reitsportgeschichte eingehen: Nachdem ihm schon zuvor mit der deutschen Mannschaft die im Vorfeld viel beschworene Revanche von Athen gelungen war, stand Hinrich Romeike auch in der Einzelwertung ganz oben auf dem Treppchen und ließ sich als Olympiasieger in der Vielseitigkeit feiern. Es war ein historischer Sieg, den er auch seinem Holsteiner Pferd ‚Marius’ zu verdanken hat. Das letzte Mal war es Hauptmann Stubbendorff mit ‚Nurmi’ gelungen Doppelgold in der Königsdisziplin der Reiterei zu holen, und das war bei den Olympischen Spielen 1936 von Berlin. Vorangegangen waren nach Glanzleistungen in der Dressur und im Gelände, Zitterpartien in den beiden Parcours, bekanntlich nicht die besondere Stärke des Holsteiner Paares. Mit dem ihm eigenen „Tunnelblick“ hat Hinrich Romeike die vor ihm startende Konkurrenz beobachtet, die Instruktionen über Distanzen, Wendungen und Paraden seines Heimtrainers Jörg Naeve förmlich eingesogen. Als feststand, dass Hinrich Romeike und ‚Marius’ nach dem Gelände die Pole-Position übernommen hatten, war dieser sofort in den nächsten Flieger gen Hongkong gestiegen, um seinem Freund bei der Vorbereitung auf die entscheidenden Runden zur Seite zu stehen. Und die scheinbare „mission impossible“ war von Erfolg gekrönt: Mit nur einem Abwurf im ersten Parcours sicherten Hinrich Romeike und ‚Marius’ der deutschen Mannschaft die sehnlichst erhoffte Goldmedaille. In der zweiten Runde als es um den Einzeltitel ging, konnten nur noch die ganz hart gesottenen unter den deutschen Fans in Richtung Parcours blicken. Doch die beiden Holsteiner schafften es: Sie blieben ohne Springfehler – das war der Olympiasieg.
Es gab keinen, der Hinrich Romeike diesen Erfolg neidete, selbst die ausländischen Reiter und Journalisten freuten sich mit ihm über seinen Triumph. Und Dr. Hanfried Haring, der Generalsekretär der FN, wollte ‚Marius’ gar „heilig sprechen“ lassen. Hinrich Romeike, „the flying dentist“, wie er in den englischsprachigen Medien nur genannt wird, hat es den ganzen Profis gezeigt. Akribisch hat er sich und sein Pferd auf den Tag X vorbereitet. Die Ereignisse bei den Olympischen Spielen von Athen – die deutschen Vielseitigkeitsreiter mussten ihre Goldmedaille bekanntlich wieder abgeben – waren Hinrich Romeike nie aus dem Kopf gegangen. Er hatte um die Medaille am grünen Tisch gekämpft, und letztendlich verloren. Die Familie -Ehefrau Susanne und die drei Kinder Cerrin, Claas und Broder – hielt ihm für seine akribischen Vorbereitungen auf die viel zitierte „Revanche für Athen“ ebenso den Rücken frei wie die Kollegen in der Rendsburger Zahnarztpraxis. Sie mussten oft ohne ihn auskommen... Mit seiner großen Eloquenz, seinem Witz und Charme war Hinrich Romeike nach seinem Olympiasieg nicht nur ein beliebter Gesprächspartner der in- und ausländischen Presse. Er war auch gern gesehener Gast in Talkshows. Bei Lafer, Lichter & Lecker – eine beliebte Kochshow im ZDF - empfahl sich der Olympiasieger als Gourmetkoch. Seine Sprüche wie „das war das I-Tüpfelchen auf dem I-Tüpfelchen auf dem Sahnehäubchen“ oder „als ich die weißen Männchen – damit war der am Einritt stehende deutsche Tross gemeint - hüpfen sah, wusste ich, dass ich Gold gewonnen hatte“ prägten sich auch bei Nichtreitern ein. Ohne Frage hat der 45-jährige den deutschen Reitsport und insbesondere die Vielseitigkeit in der Öffentlichkeit so authentisch verkauft wie kein anderer.
Hinrich Romeike und ‚Marius’ bestritten in Hongkong ihr sechstes Championat in Folge. Nur das englische Paar Jeanette Brakewell und ‚Over To You’ können das mit acht Einsätzen toppen. Als Neunjähriger hatte ‚Marius’ bei den Europameisterschaften in Punchestown sein internationales Debüt gegeben, nachdem er die „normale“ Karriere eines Buschpferdes mit Bundeschampionaten – beide Male platziert – und vielen Aufbauprüfungen durchlaufen hatte. Auch für seinen Reiter, der als Junior bzw. Junger Reiter etliche Male bei Deutschen Meisterschaften platziert gewesen war und dann wegen des Studiums den Reitsport etwas ruhiger angehen ließ, war es der erste Start für deutsche Farben. „Wir wurden praktisch ins kalte Wasser geworfen“, erinnert sich Hinrich Romeike, denn dem Bundestrainer waren im Vorfeld die „gemeinten“ Championatspferde ausgefallen. Den schweren Geländekurs, den die englische Topreiterin Pippa Funnell angesichts der vielen Wasserpassagen mit den Worten kommentierte „Tommy Brennan (der Aufbauer) muss in seinem früheren Leben eine Ente gewesen sein“, absolvierte ‚Marius’ bei strömenden Regen so, wie man ihn später auch in allen anderen Prüfungen sah – mit gespitzten Ohren, an den Sprüngen keine Sekunde verlierend. Als 15. waren Hinrich Romeike und Marius in Irland bestes deutsches Paar. Inzwischen sind es mehr als 30 schwere Prüfungen, die der Schimmel und sein Reiter ohne Hindernisfehler im Gelände absolviert haben. Das dürfte ein Novum in der internationalen Geschichte des Vielseitigkeitssports sein.
Hinrich Romeike und ‚Marius’ – sie sind Olympiasieger und amtierende Mannschaftsweltmeister, jetzt fehlt nur noch der Europameistertitel, und den wollen sie sich Ende September in Fontainebleau holen.